Interview mit den Cologne Crushers

Anfang November wurde in Portland, Oregon das 70. schwule Rugbyteam gegründet. Dieses Jubiläum habe ich zum Anlass genommen mich mit Joachim von den Cologne Crushers zu unterhalten. Sie haben sich vor ca. drei Jahren gegründet und nehmen jetzt in der zweiten Saison beim ASV Köln am Spielbetrieb der Verbandsliga NRW teil.

Hallo Joachim, Rugby gilt ja allgemein als toleranter Sport. Das WM Finale wurde von Nigel Owens geleitet, und es wurde nicht groß erwähnt. Wozu braucht es ein schwules Rugbyteam?

Der Idealzustand wäre natürlich, dass es mit Toleranz und Akzeptanz weiter vorangeht und ein schwules Team irgendwann nicht mehr nötig ist. Aber das liegt wohl noch ein wenig in der Zukunft. Als Gründe für ein schwules Rugbyteam, würde ich folgende anführen:

a) Ganz grundlegend natürlich erstmal ist es eine Möglichkeit für Schwule, gemeinsam einen Sport zu machen, den sie lieben. Das ist dann nichts anderes als die vielen türkischen/etc. Vereine in den deutschen Fußball-Ligen.

b) Darüber hinaus gibt es auch Männer, die in der Schule oder im Vereinsleben schon Ablehnung oder Diskriminierung erfahren haben und ein schwules Team vorziehen. Sozusagen als sicheren Hafen in dem sie Mannschaftssport machen können, ohne sich fürchten zu müssen, nur auf Grund ihrer sexuellen Orientierung abgelehnt zu werden.

c) Spieler in einem schwulen Rugby-Team können aber auch ein wenig als ‚role model‘ dienen. Grade in der Zeit des Coming-outs sind viele schwule Jungs verunsichert, was ihr eigenes Rollenbild angeht (Was natürlich genauso für lesbische und bisexulle Jugendliche gilt). Ein Vorbild und ein sportliches Angebot, dass nicht den gängigen und meist falschen Klischees von „dem schwulen Mann“ entspricht, kann da hoffentlich etwas Orientierung geben.

d) Dann wäre da noch die Außenwirkung. Solange es halt noch nicht vollkommen egal ist, wen man liebt, ist es sinnvoll, aktiv gegen Vorurteile anzugehen. Und dafür eignet sich ein Sportverein oder-team halt ganz gut. So kann man sichtbar sein und Aufmerksamkeit erzeugen. Also nicht im egoistischen Sinn, sondern für eine gute Sache. In dem Fall für den Abbau von Vorurteilen und für mehr Toleranz.

e) Und zu guter Letzt ergibt sich natürlich auch die Möglichkeit, unseren Sport in der schwulen Community bekannt zu machen. Rugby ist halt in Deutschland eine Randsportart und da schadet ein wenig Werbung sicherlich nicht. Zu unseren Spielen kommen oft auch Zuschauer aus der Szene, die dann natürlich helfen, Rugby bei einem größeren Publikum bekannt zu machen. Die Tatsache, dass es in der Rugbywelt viel entspannter zugeht als im Fußball (siehe zum Beispiel den relativ entspannten Umgang mit schwulen Referees und Spielern wie Nigel Owens, Gareth Thomas, Keegan Hirst und Sam Stanley) sehe da ich nicht als Widerspruch. Es bedingt einander viel mehr. Und vielleicht haben die mittlerweile 70 schwulen Rugby-Teams ja auch genau dazu beigetragen. Die Kings Cross Steelers aus London hatten zum Beispiel grade ihr 20-jähriges Vereinsjubiläum und sind somit schon ziemlich lange dabei.

Du redest oben von Diskriminierung. Haben Teammitglieder denn schon einmal Probleme mit Beschimpfungen oder Anfeindungen in einem Rugbyteam in Deutschland gehabt?

Einer unserer Spieler, der aus England stammt und dort Rugby als Schulsport hatte, ist damals gemoppt worden und hat das spielen – obwohl ein totaler Fan – dann aufgehört. Erst durch unser Team ist er dann wieder zum Rugby gekommen. Hier in Deutschland gab es aber noch keine nennenswerten Probleme. Es gab zu Beginn dieser Saison einen einzelnen verbalen Ausfall eines gegnerischen Spielers. Aber das möchte ich nicht überbewerten. Es war wohl eher der Hitze des Gefechts und der für ihn ziemlich frustrierenden Niederlage geschuldet. Ansonsten ist das Miteinander – besonders in unserem Verein – bisher immer offen und herzlich gewesen.

Meine nächste Frage wäre gewesen, ob es mal Probleme mit dem Gegner gab. Woher kam euer Gründungsgedanke. Wart ihr schon Rugbyspieler die zufällig auch noch schwul sind, oder habt ihr durch eure sexuelle Orientierung zusammen gefunden und dann mit dem Sport begonnen?

Keiner von uns hat vorher schon in einem anderen (straighten) Team gespielt. Ich hab mit Rugby bei den Berlin Bruisers angefangen, bin dann aber ziemlich schnell zu den Kölnern gekommen, als ich von deren Gründung erfahren habe. Mittlerweile verwischt die Trennung zwischen den „sexuellen Orientierungen“ aber sowieso in unserem Verein. Einige unserer Spieler spielen jetzt vermehrt in der 2. XV und einige aus der 1. und 2. XV spielen mit uns in der Verbandsliga oder kommen mit auf Auswärtsfahrten. Und da Neulinge im Verein eh erstmal mit uns (als 3. XV) spielen, haben wir sowieso ein ziemlich gemischtes Team. Momentan liegt das Verhältnis eher so bei fifty-fifty. Daher begreifen wir uns nicht als rein schwules, sondern als inklusives Team. Ein Kumpel sagte mal so nett: ‚Deutschlands erstes Rugbyteam, dem deine sexuelle Orientierung ganz offiziell scheißegal ist‘. Ich finde das trifft es ganz gut. Wir wollen ja nicht irgendwelche Abgrenzungen künstlich aufrechterhalten.

Das klingt für mich nach einer richtig guten Entwicklung. Ich kenne es aus meinem Verein, dass da mal nach ein paar Bier die Kontakte zum Damenteam intensiviert werden. Habt ihr einen „Don’t screw the crew“ Code? Und gibt es bei euch Pärchen im Team?

Haha… Pärchen gibt es schon, aber ansonsten sind die Leute bei uns wohl eher am Sport als an der Partnersuche interessiert. Eine „Don’t screw the crew-Regel“ haben wir im Gegensatz zu anderen Teams nicht. Wir denken eher, dass wir alle erwachsene Männer sind und daher jeder selbst entscheiden kann, wer mit wem anbandelt.

Halten sich denn die Pärchen im Training zurück oder ist da wirklich ein ganz normaler Körperkontakt, wie immer?

An meinem Beispiel kann ich sagen: Ich mach Rugby seit zweieinhalb Jahren und mein Mann ist dann vor anderthalb Jahren dazu gekommen. An Anfang war es für ihn etwas gewöhnungsbedürftig, dass ich ihn bei Tackling genauso hart angegangen habe wie alle anderen. Aber er hat schnell eingesehen, dass das falsche Rücksichtnahme wäre und im Endeffekt war es dann völlig okay.

Allgemein herrscht im Rugby das Klischee, dass die Winger immer am Flirten mit den Mädels an der Seitenlinie sind. Kommen in einem schwulen Rugbyteam dann noch die Erste-Reihe Stürmer vor dem Gedränge dazu?

Einer unserer Winger versucht – ganz klischeemäßig – auch immer, von den Kerlen am Spielfeldrand die Telefonnummern abzugreifen, aber wie gut das funktioniert kann ich dir leider nicht sagen… Aber Scherz beiseite. Wir sind alle dabei, weil wir uns für das Spiel und den ganz besonderen Sportsgeist im Rugby begeistern. Und das ist genauso wenig eine Frage der sexuellen Orientierung wie des Geschlechts, der Herkunft oder von sonst irgendwas. Deshalb sollte man auch eher das verbindende sehen, nämlich die Liebe zu einer phantastischen und packenden Sportart, als irgendwelche Unterschiede. Die werden auf dem Platz ja sowieso ganz schnell nebensächlich…

Das war dann schon die letzte Frage, vielen Dank Joachim für das interessante Interview. Aus sportlicher Sicht war es komplett unnötig, da Rugby wirklich überall mit dem gleichen Sportsgeist gespielt wird. Dennoch wird hoffentlich das eine oder andere Klischee beseitigt. Ich hoffe wir sehen uns mal auf dem Platz und ich wünsche euch viel Erfolg für die weitere Saison in der Verbandsliga NRW!

Die Cologne Crushers findet ihr in den sozialen Netzwerken, sowie auf ihrer Website!

http://cologne-crushers.de/

http://www.rugby-koeln.de/

Facebook

http://www.gayrugbyclubs.com/

 

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